An Helge Timmerberg.

So, Herr Timmerberg,

das war‘s dann also: In 80 Tagen um die Welt und dann abdanken, den Wanderstab weitergeben, an die Jungen, Hungrigen, die Unreflektierten.
Ich will Ihnen mal sagen, was ich davon halte: Nichts.
Oh, jawohl, ich verstehe Ihre Haltung, kann sie bestens nachvollziehen, auch wenn ich meine Knochen noch nicht in dem Ausmaß um die Welt geschleppt habe wie Sie. Aber ich habe gesessen, nicht im Knast, sondern auf einem Kissen.
Natürlich haben Sie, für sich persönlich, meinen Segen, und ich weiß, dass Sie das gar nicht interessiert, auch nicht interessieren muss.
Aber ich möchte doch, dass Sie wissen, was für einen Verlust Ihre Ankündigung für ein paar von uns bedeutet, und ich meine, sagen zu können, dass dies nicht die Schlechtesten Ihrer Leser sind. Ich habe Sie nicht zum Entertainment gelesen, sondern mit Fleisch und Blut – Ihre Abenteuer waren meine Magenschmerzen.

Ich möchte, dass Sie wissen, was Sie ein paar, vielleicht vielen Ihrer Leser bedeutet haben, jedenfalls mir, auch wenn ich in dieser Geschichte nicht einmal eine marginale Rolle spiele: Für mich waren Ihre Stories Inspiration und Überlebenshilfe zugleich: Sie zeigten mir, dass ich nicht so schief gewickelt war, mit all meinen Träumen, die ich, anders als Sie, nicht in der Lage war, zu leben, denn ich hatte zu viel Angst. Verstehen Sie, Sie waren das Fenster zur Freiheit; ich habe geheult vor Begeisterung, wenn Sie mir und den anderen Lesern Sätze geschenkt haben, die nur aus geistiger Freiheit, Intelligenz und der Feder eines wahrhaftig Reisenden stammen konnten, eines Reisenden, der nicht kapituliert hatte, sondern tapfer die Fahne der Selbstbestimmheit hochhielt, einfach indem Sie das taten, was sie taten: Sie reisten, reisten mit Leib und Seele, mit offenen Augen und offenem Gemüt und Sie erinnerten mich daran, dass es ein ganzes Leben da draußen gibt, jenseits des Sargs der Bürgerlichkeit, indem ich mich befand.

Ich habe mir Ihr letztes Buch von Indien aus bestellt, denn dort lebe ich mittlerweile, und beim Lesen der ersten Seiten, der ersten hundert begnadeten Seiten, die ich immer wieder Freunden vorlas, um den Genuss und die Erkenntnis darin zu teilen, kamen mir Fragen in den Sinn, die Ihnen vielleicht übertrieben vorkommen, die ich Ihnen aber ernsthaft stellen möchte:

Wussten Sie schon, dass Sie einen neuen Vornamen haben, Herr Timmerberg? Und: Wie lebt es sich denn als Gott Timmerberg?
Ich habe ein ungefähres Bild davon, denn Sie beschreiben Ihren aktuellen Gefühlszustand ja deutlicher denn je, in diesem, Ihren letzten Reisebuch und ein paar Mal war ich drauf und dran rororo mitzuteilen, dass ich die restliche Erstauflage kaufe, auch wenn das albern ist, weil mir das Geld dazu fehlt. Und: Wozu?
Aber: Mein Gott, was soll man denn machen, wenn man Zeilen liest, wie: „Er liebt, was er sieht, und das macht die Straße für ihn frei.“ Oder so gottverdammt viele andere. Treffer. Treffer ins Herz, versenkt.

Ich stehe jetzt vor der Frage, wie ich den Timmerberg-Entzug verkraften soll: Soll ich mich jetzt allen Ernstes in eine Bangkoker Bar in der Patpong setzen und bis zum Total-Blackout saufen? Oder zum Crack-Röhrchen greifen?
Wäre nicht wirklich eine Hilfe. Der Entzug zu schmerzvoll, die Betäubung nicht nachhaltig genug. Ich bin nicht wirklich ein Freund von Drogen – Zigaretten und Alkohol einmal ausgenommen – schlechte Erfahrungen.

Aber mal ehrlich: Wie soll es jetzt weitergehen, ohne Sie, den Vor-Reisenden, der sich jetzt berechtigterweise zur Ruhe setzt, bei der Frau sein will, die er (finally!) liebt und deren Nähe er aushalten kann? In einer Stadt, die ihm das Maß an Internationalität bietet, das er zum Atmen braucht?!

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es mir weh tut, denn es gibt so Wenige, an denen ich mich reiben konnte oder die ich auch nur offen bewundern konnte. Ich kenne noch einen, der mich genauso mitten ins Herz traf, und das wird Ihnen Ehre machen, denn das ist Hesse. Ich habe zwar noch keine Konterfeis an der Wand hängen, aber das könnte passieren.
Ihres wird eines davon sein, wenn ich ein Bild im Internet finde. Hoffentlich fangen Sie nicht an, eines Tages zu mir zu sprechen. Das könnte verwirren.

Herr Timmerberg: Sie werden mir verdammt abgehen und ich bin sicher, ich bin da nicht allein.

Ich bin traurig. Ich werde Sie, Ihre begnadete Beobachtungsgabe, Ihre begnadete Schreibe, Ihr Herz und Ihre Reisen vermissen. Hoffentlich reisen Sie von nun an in Berlin in 80 Tagen um die Welt und lassen uns, die bescheidenen Leser, daran teilhaben. Everything is there, everywhere, at the same time. Ich wünsche Ihnen, dass Sie das finden, was Sie sich von der Ruhe und einem aufkeimenden Heimatgefühl (?) versprechen.

Eine unmaßgebliche Julia Schäfer

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One Response to “An Helge Timmerberg.”

  1. […] gibt Zeiten der Dürre und es gibt Zeiten des Überflusses: Als ich vor nahezu zwei Jahren diesen Eintrag postete, ging ich davon aus, dass meine literarische Dürre für den Rest des Lebens […]