Mahatma Pule Mandai Market

Heute habe ich Glück: Seit ich aufgegeben habe, auf den Internet-Anschluss zu warten, habe ich frei und kann mir den Tag einteilen. Was bedeutet: Nachdem U. und ich morgens Tee getrunken haben, Assaichen sein wohlverdientes (mutiger Flughund, der!) Leberwurstbrot + Tablette bekommen hat, die Morgenrunde vorbei an den giftigen Streunern gedreht ist und ich schlussendlich unter die (nur morgens!) kalte Dusche gehüpft bin, kann ich los, die Stadt entdecken.

Heute geht es ganz feudal in unserer großen, weißen Klimakutsche direkt ins Herz der Altstadt zum Mahatma Pule Mandai (kein Schreibfehler!) Market im Shukrawar Peth, einem der ältesten Distrikte der Stadt, eng, verwinkelt, heiss – aber unverwechselbar indisch. Zierliche Wadas – alte Timber-Holzhäuser mit fein ziselierten Balkonen säumen die baumlosen, staubigen Straßen, die sternförmig auf den alten, kolonialen Markt zulaufen, der in seinem dunklen, kühlen Inneren alle Gemüse- und Obstsorten anbietet, die derzeit in Indien verfügbar sind. Vorher durchquere ich das Viertel der Metallwaren-Wallahs – überall blitzen mir die Töpfe, Pfannen, Truhen aus Aluminium in der Spätvormittagsonne entgegen, aber ich lasse sie heute links liegen. Im Inneren des Marktes dann vegetarische Opulenz: Ich mache Fotos von Kokosnuss-Bergen, Zwiebel-Haufen, Kartoffel-Stapeln, Wasser-, Honig-, und Netzmelonen, Papayas, Mangos (es ist Mango-Saison!!!), Knoblauch, Okra, Blumenkohl und Chillies und wunderbar reifen Flaschentomaten. Irgendwelche Wünsche offen?

Ich gehe und staune und rieche und betaste und werde überall freundlich gegrüßt: “Would you like something, Madam?” Die meiste Zeit verneine ich, denn wie sollte ich kochen, bei 40 Grad im Schatten und kaum nennenswerter Küchenausstattung?

Dennoch: Ein Kilo rote, saftige Tomaten, frische rote und grüne Chillies dürfen mit, ebenso wie Knoblauch, Limonen und ein Bund frische Minze. Herrlich! Also gibt es heute einen Tomatensalat, nachdem man herrlich stinkt und dazu frisches, leckeres Weissbrot vom Bäcker um die Ecke. Luxus.

Überall werde ich beim Fotografieren freundlich gegrüßt – jeder scheint neugierig zu sein, wer ich bin und was ich hier mache: “Your country, Madam?” fragen die meisten und wenn ich dann ebenso kurz antworte: “Germany!” geht ein Lächeln über die meisten Gesichter, manche schütteln mir sogar die Hand, so begeistert sind die Inder von den Deutschen und -leider- auch von Adolf Hitler, in dem sie lediglich einen Helden sehen, der es als einfacher Mann aus dem Volk geschafft hat, Millionen Menschen aus Arbeitslosigkeit und Elend zu helfen. “Mein Kampf” steht im Übrigen an jeder Ecke im Buchladen und ist eines der meistverkauften Bücher indienweit.

Unreflektiert schön daran ist nur, sich einmal nicht seiner Geschichte schämen zu müssen, mit der ich als Nachkriegsgeneration wirklich nichts zu tun habe, für die ich mich aber, natürlich, Zeit meines Lebens geschämt habe, für die ich traurig war, und vor allem fassungslos. Aber das, und die aktuellen Greueltaten weltweit -History is repeating itself- zeigen leider, dass es da Dinge im menschlichen Naturell gibt, Überzeugungen, Egoismen, der Buddhist würde sagen: falsche Haltungen, die für alle Grausamkeiten verantwortlich sind und die es auszumerzen gilt. Und da muss jeder bei sich selbst anfangen. Doch das nur am Rande.

Jedenfalls verlasse ich den Markt verschwitzt, glücklich und bereichert – um meine Einkäufe, schöne Bilder und nette Begegnungen. Ich steuere zum Kiosk an der Ecke, um meine Tagesration ‘Goldflake’ zu kaufen, meine indische Lieblingszigarette (“Honey Dew” -Morgentau, wie niedlich!), die es auch einzeln gibt, als ich aus den Augenwinkeln einen wilden Gesellen auf mich zusteuern sehe: “Gimme five rupees!” fordert mich der versoffene Mittdreißiger laut und unmissverständlich auf. Ich denke mir: “Hau ab, Du Arsch!”, reagiere äußerlich zunächst aber überhaupt nicht, sondern wickle meinen Zigarettenschachtel-Kauf ab. Ruhig gebe ich dem netten Kiosk-Besitzer einen Hundert-Rupien-Schein, als mir der Streuner immer mehr auf die Pelle rückt und immer aggressiver sein Bakshish fordert. Mittlerweile hat der Verkäufer sein Wechselgeld herausgesucht und will mir zwei Zehn-Rupienscheine und vier Rupies Kleingeld geben, als er plötzlich innehält, mich nachdenklich betrachtet und dann einen der Zehner gegen zwei Fünfer-Scheine tauscht. Das nehme ich zwar zur Kenntnis, bin aber so in Fahrt von der Aufdringlichkeit des Bettlers, dass ich mich nur wutentbrannt umdrehe und den Säufer anherrsche: “I’m well able to decide whom I’m giving my money to and IT’S DEFINITELY NOT GOING TO BE YOU!” und denke dabei an die armen Mütterlein, die ich jeden Morgen an der Dhole Patil Road mit Spenden versorge.

Trotzdem, als ich gehe, denke ich an das liebe Gesicht des Tabakwarenverkäufer, als er mir heimlich die beiden Fünfer wechselte, und wünschte, ich hätte anders entschieden.

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